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1. Definition und Prinzip
Das Westminster-Glockenspiel ist eine akustische Komplikation, die zu jeder Viertelstunde eine Melodie wiedergibt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Schlagwerken schlägt es keine einfachen wiederholten Schläge, um einen Zahlenwert anzuzeigen. Stattdessen spielt es eine musikalische Phrase aus vier Tönen unterschiedlicher Höhe. Diese Melodiefolge ist charakteristisch für das Glockenspiel von Westminster in London, von dem sie ihren Namen ableitet. Wie die Grande Sonnerie und die Petite Sonnerie gehört das Westminster-Glockenspiel zur Familie des Schlagwerks im Vorbeigehen. Es löst sich automatisch zu jeder Viertelstunde aus, ohne Zutun des Benutzers. Allerdings nutzt es vier unterschiedliche Klangfarben statt zwei, was die Komplexität des Mechanismus erheblich erhöht.
2. Stellung innerhalb der Familie der Schlagwerke
Das Westminster-Glockenspiel gehört zu den Schlagwerken im Vorbeigehen, die sich automatisch ohne Zutun des Benutzers auslösen. Es unterscheidet sich jedoch deutlich von herkömmlichen Schlagwerken mit wiederholten Schlägen. Denn die Grande Sonnerie und die Petite Sonnerie schlagen mehrere identische Schläge auf einem oder zwei Tonfedern. Das Westminster-Glockenspiel hingegen spielt eine melodische Phrase auf vier gestimmten Tonfedern. Diese musikalische Natur bedingt eine grundlegend andere Auslösungslogik. Während die Staffel eine Anzahl von Schlägen bestimmt, erfordert das Glockenspiel die Auslösung von vier Tonfedern in einer präzisen Reihenfolge. Zudem zeigt das Westminster-Glockenspiel, wie die Grande Sonnerie, sowohl die Viertelstunden als auch die vollen Stunden an. Bei jedem Viertel spielt es eine musikalische Phrase; zur vollen Stunde spielt es die vollständige Melodie und schlägt anschließend die Stundenzahl.
3. Die musikalische Sequenz
Das Westminster-Glockenspiel entfaltet seine Melodie auf vier Klangkörpern, die nach einer bestimmten Tonleiter gestimmt sind. Zu jeder Viertelstunde verlängert sich die Sequenz um eine Phrase aus vier Noten. So wird beim ersten Viertel nur eine einzige Phrase gespielt. Beim zweiten Viertel werden zwei aufeinanderfolgende Phrasen ausgeführt. Beim dritten Viertel reihen sich drei Phrasen aneinander. Zur vollen Stunde schließlich erklingen alle vier vollständigen Phrasen, gefolgt vom Stundenschlag auf einem tiefen Klangkörper. Diese Progression gewährleistet eine zunehmende zeitliche Information im Verlauf der Stunde. Zudem verlängert sich die Sequenz schrittweise, sodass jedes Viertel durch eine unterschiedliche Hördauer gekennzeichnet ist. Folglich kann der mit der Melodie vertraute Zuhörer das verstrichene Viertel allein durch das Gehör bestimmen. Dieser Reichtum an klanglicher Information stellt den wesentlichen Vorteil des Westminster-Glockenspiels gegenüber anderen Schlagwerken im Vorbeigehen dar.
4. Auslösung und Energiequelle
Wie jedes Schlagwerk im Vorbeigehen benötigt das Westminster-Glockenspiel ein vom Federhaus des Gehwerks unabhängiges Schlagwerk-Federhaus. Dieses Federhaus wird im Allgemeinen durch Drehung der Krone in eine bestimmte Richtung. Der Energieverbrauch ist besonders hoch, da die vier Phrasen zur vollen Stunde eine große Anzahl an Schlägen erfordern. Bei jedem Schlag betätigt ein Hammer eine Tonfeder, was einen Energieaufwand proportional zur Anzahl der Noten verursacht. Zudem kommt der Stundenschlag zur Melodie hinzu, was den Betrieb des Schlagwerks verlängert. Manche Uhrwerke sehen ein Federhaus mit großer Kapazität vor, um diesen erhöhten Verbrauch auszugleichen. Diese Architektur gewährleistet eine ausreichende Gangreserve, um den Mechanismus über mehrere Tage anzutreiben.
5. Die Programm-Kurvenscheibe des Glockenspiels
Das zentrale technische Element des Westminster-Glockenspiels ist die Kurvenscheibe Programmscheibe des Glockenspiels, manchmal auch als Programmrad bezeichnet. Diese Kurvenscheibe steuert die Hämmer in der genauen Reihenfolge der Melodie, Phrase für Phrase. Sie ist fest mit dem Räderwerk des Schlagwerks verbunden und vollführt jede Stunde einen vollständigen Zyklus. An ihrem Umfang lösen erhabene Finger oder Anschläge jeden Hammer zum richtigen Zeitpunkt aus. Die Anordnung dieser Elemente ist präzise berechnet, um die melodische Sequenz originalgetreu wiederzugeben. Dieses System unterscheidet sich grundlegend von der Staffel, die bei herkömmlichen Schlagwerken und der Minutenrepetition verwendet wird. Die Staffel bestimmt nämlich eine Schlagzahl; die Kurvenscheibe hingegen legt eine Auslösereihenfolge zwischen vier Hämmern fest. Die Konstruktion dieser Kurvenscheibe ist der heikelste und für das Westminster-Glockenspiel spezifischste Arbeitsschritt.
6. Klangfedern und Hämmer
Die Klangerzeugung des Westminster-Glockenspiels beruht auf vier Klangkörpern, die nach der Tonleiter der Melodie gestimmt sind. Jeder Klangkörper wird von einem spezifischen Hammer angeschlagen, der von der Programm-Kurvenscheibe des Glockenspiels gesteuert wird. Die vier Klangkörper müssen präzise gestimmt werden, um die charakteristische Melodie originalgetreu wiederzugeben. Bei Uhren und kleinen Pendeluhren haben sie meist die Form von Drahtfedern, die um das Uhrwerk gewickelt sind. Die Länge und der Durchmesser jedes Drahtes bestimmen seine Resonanzfrequenz und somit seine Klanghöhe. Die Regulierung der Stimmung ist ein heikler Vorgang. Zudem beeinflussen Material und Form des Uhrgehäuses direkt die Qualität der endgültigen akustischen Wiedergabe.
7. Die Regulierung der Geschwindigkeit
Ohne Regulierorgan würde das Schlagwerk die Melodie in unkontrollierbarer Geschwindigkeit ausführen. Zwei technische Lösungen ermöglichen es, den Hämmern eine gleichmäßige Kadenz aufzuzwingen. Das Schwungrad bremst die Drehung des Räderwerks durch Luftwiderstand; es ist geräuschlos, aber kaum regulierbar. Der Anker-Regulator hingegen bietet dank seiner Exzenter-Schraube eine präzise Regulierung der Kadenz. Bei einem Westminster-Glockenspiel ist die Regulierung der Kadenz besonders wichtig. Tatsächlich muss jede Note ausreichend lange nachklingen, bevor die nächste angeschlagen wird, damit der Rhythmus der Musik eingehalten wird. Ist die Kadenz zu schnell, überlagern sich die Noten und die Melodie wird unverständlich. Die musikalische Qualität des Glockenspiels hängt somit ebenso vom Regulator wie von der Stimmung der Tonfedern ab.
8. Der Modusschalter
Das Westminster-Glockenspiel ist in der Regel mit einem Wahlschalter verbunden, mit dem sich das Schlagwerk aktivieren oder deaktivieren lässt. In seiner einfachsten Version bietet dieser Wahlschalter zwei Positionen: Glockenspiel aktiv und Stille. Einige aufwendigere Uhrwerke bieten eine dritte Position, bei der nur die Stunden geschlagen werden. In der Position Stille wird jeglicher Schlag unterbrochen, wodurch die Gangreserve des Federhauses geschont wird. In der Position Glockenspiel aktiv löst der Mechanismus automatisch bei jedem Viertelstundenschlag aus. Dieser Wahlschalter ist unerlässlich, um das Stück an den jeweiligen Nutzungskontext anzupassen. Denn das Westminster-Glockenspiel ist aufgrund seines musikalischen Charakters leichter erkennbar als ein herkömmliches Schlagwerk.
9. Kombination mit der Minutenrepetition
Das Westminster-Glockenspiel kann mit der Minutenrepetition bei besonders komplexen Uhrwerken. In diesem Fall schlägt die Minutenrepetition die Uhrzeit auf Wunsch durch einfachen Druck auf den Drücker, minutengenau. Diese Kombination bietet eine vollständige akustische Information: die automatische Melodie beim Vorbeigehen jeder Viertelstunde und die Repetition auf Wunsch. Technisch gesehen teilen sich die beiden Komplikationen die gleichen vier Tonfedern und Hämmer, was die Konstruktion vereinfacht. Dennoch muss die Minutenrepetition ebenfalls eine Minutenstaffel integrieren, um die Information zu vervollständigen. Die Kombination einer Programmkurvenscheibe und einer Minutenstaffel auf demselben Uhrwerk stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Diese Stücke zählen zu den komplexesten Errungenschaften der mechanischen Haute Horlogerie.
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